Friedenslinde gepflanzt

Friedenslinde gepflanzt

Am 8. April wurde südlich von Kapellendorf durch den Bürgermeister J. Elstermann, die Gemeinderatsmitglieder R. Fischer und M. Nordmann, sowie Pfarrer Th.-M. Robscheit eine Friedenslinde gepflanzt.

Wegen der Corona-beschränkungen konnte dieser Baum nur im kleinen Kreis gepflanzt werden.

Die Linde ist den Opfern der Kriege gewidmet und erinnert besonders an die Besatzung der in der Nacht vom 8. zum 9. April 1945 zwischen Kapellendorf und Frankendorf abgestürzten Lancaster Mk III, der 9. Squadron der Royal Air Forces. Auch nach 75 Jahren sind wir fassungslos angesichts des sinnlosen Tötens und Getötetwerdens.

 

In das Wurzelwerk des Baumes wurde eine Dokumentenkapsel mit dem folgenden Dokument gelegt.

 

 

Hier der vollständige Text des Dokumentes:

Wir ehren und erinnern den Opfern der Kriege sowie der Besatzung der Lancaster Mk III, der 9. Squadron der Royal Air Forces, Seriennummer NG234, Funkkennung WS-H,den beiden Australiern der Royal Australien Air Forces
RAAF 410826 Captain Bernard Selby Woolstencroft, Pilot aus Victoria, 21 Jahre
RAAF 432092 Flt. Sgt. Lindsay Arthur Bayley, Navigator aus New South Wales, 29 Jahr
den vier Briten der Royal Air Forces

RAFVR 1607234 Sgt. William Charles Lewis, Flight Engineer
RAFVR 165534 FO Christopher Paul Wyeth Warren, Bomb Aimer, aus Shawford, Hants 20 Jahre
RAFVR 946897 Flt. Sgt Leslie Robinson, Wireless Air Gunner
RAFVR 1593603 Sgt. Geoffrey Terence Greenwood, Mid Upper Gunner, aus Bradford Yorkshire, 20 Jahre

Sgt. Elias Williams, Rear Gunner, der RAF überlebt den Einsatz und den Krieg.

Um Mitternacht vom 8. zum 9. April 1945 stürzte auf einem Feld westlich von Kapellendorf an den Koordinaten (50°58´30.2052“ N, 11°27´18.9756“ E) die Besatzung eines britischen Bomber-Flugzeuges der Royal Air Force ab. Sechs junge Männer, fünf von ihnen gerade mal 20 und 21 Jahre alt, fanden dabei den Tod. Die 4 britischen Besatzungsmitglieder gehörten zur Royal Air Force Volunteer Reserve (RAFVR), einer berufsbegleitenten militärischen Ausbildungseinheit.

Es waren die letzten Kriegstage im Frühling 1945 in Thüringen. Bis März war Thüringen mit Ausnahme der zunehmenden Luftangriffe noch frei von Kampfhandlungen. Bei Merseburg wurde für den Endsieg u.a. noch synthetischer Treibstoff hergestellt und in Thüringen neben der Produktion der sog. Wunderwaffen eine gigantische Kommunikationszentrale der Wehrmacht installiert. Um die Treibstoffversorgung zu unterbinden, wurden bis zum 8. April 1945 Bomberangriffe auf den Industriestandort um Merseburg mit dem Sitz des Mineralölwerkes Wintershall A.G. in Lützkendorf geflogen.

Die 3. US-Panzerarmee unter General George Smith Patton führte trotz der noch anhaltenden Kämpfe in Hessen und den dort gebundenen Streitkräften einen zunächst nur zeitlich limitierten Vorstoß über die Werra bei Creuzburg nach Thüringen. Während Patton mit seinen Männern das sog. "Amt 10" im Jonastal trotz des noch immer anhaltenden Widerstandes der 11. Armee einnehmen konnte, stoppte er am 8. April 1945 die in 3 Corps aufgeteilten Verbände kurz vor Erfurt auf der Linie Meinigen - Ohrdruf - Gotha - Mühlhausen und setzte den Vormarsch erst am 11. April 1945 wieder fort.

Vom 7. bis 10. April 1945 wurden 28.000 Häftlinge aus dem restlos überfüllten KZ Buchenwald in Richtung KZ Dachau und Flossenbürg sowie zum Ghetto in Theresienstadt in Marsch gesetzt. Im Anschluss hieran hat sich am Morgen des 11. April 1945 der Lagerkommandant SS-Oberführer Herrmann Pister mit seinen Offizieren abgesetzt und die Häftlinge übernahmen nun das Lager, als am Nachmittag die ersten US-Truppen auf dem Ettersberg bei Weimar am Lager eingetroffen sind.

In dieser Gefechtspause am Donnerstag, den 8. April 1945 um 18:26 Uhr starteten von den Flugplätzen um Bardney UK insgesamt 231 Lancaster Avro Bomber der Royal Airforce (RAF) sowie der Royal Australien Airforce (RAAF) zusammen mit 11 weiteren Mosquito Jagdbombern mit Ziel der LEUNA-Werke. Es herrschte leicht trübes Wetter bei ausreichender Sicht. Die Gruppe setzte sich zusammen aus dem 9. Sqn der RAF mit speziell ausgerüsteten 18 Lancaster Avro Mk III Bombern, beladen mit jeweils einer einzigen sog. 6t schweren TallBoy-Sprengbombe und dem 49., 61., 106. Sqn der RAF sowie dem Sqn 463. und 467. der RAAF.

Es sollte der letzte Einsatz auf die LEUNA-Werke sein und der stellvertretende Premierminister Australiens und Minister für Armee und Verteidigung, Herr Francis Michael Forde, war zu Gast auf dem Stützpunkt der Australier der 467. Sqn in Waddington.

Um 22:40 Uhr erreicht die Lancaster Avro Mk III mit der Seriennummer NG235 und der Rufkennung WS-H zusammen mit weiteren 16 mit den 6t schweren Spezialbomben beladenen Maschinen das Zielgebiet. Ein Bomber war bereits um 21:15 Uhr aufgrund von Treibstoffproblemen abgedreht, klinkte die Bombe über Cochem aus und kehrte nach England zurück.

Um 22:57 Uhr haben die 17 Lancaster Bomber des 9. Sdn die todbringende Last über dem mit starkem Flakabwehrfeuer verteidigten Zielgebiet abgeworfen. Dabei rasten die 17 Tallboy-Bomben aufgrund ihres Gewichts und der Abwurfhöhe fast mit Überschallgeschwindigkeit zu Boden und bohrten sich mit ihrer Stahlspitze voran in eine Tiefe von 30 Metern. Die 2,4t Torpex-Sprengstoffladung explodierte dabei zunächst noch nicht. Ein Zündmechanismus löste die Explosion zeitverzögert aus und 16 Bomben explodierten 30 Minuten nach dem Einschlag zeitgleich in einer Tiefe von 30 Metern und zerstörten aufgrund der verheerenden Wirkungen die Bunkeranlagen und Stahlbetonbauten. Werksangehörige, Zwangsarbeiter, Häftlinge, die zum Ende des Krieges verpflichteten Kinder als Flaksoldaten sowie die Löschmannschaften wurden Opfer dieses letzten Bombenangriffes auf die LEUNA-Werke.

Eine dieser Tollboy-Bomben ist dabei nicht explodiert. Das Kopfstück der Bombe ziert heute noch ein Mahnmal an der ehemaligen Verwaltung in Krumpa, unweit ihrer Fundstelle. Dieser Tallboy wurde wahrscheinlich nicht mehr aus der notwendigen Höhe von 6.000 Metern abgeworfen, da sich die Spitze nicht nach unten ausrichtete und die Bombe sich nicht in den Boden bohren konnte und daher nicht explodierte. Die Bomberbesatzungen waren heftigem Abwehrfeuer ausgesetzt und verfehlten so auch ihr Ziel. Andere wurden selbst getroffen. 6 Maschinen kehrten von diesem Einsatz nicht zurück. Auch der Lancaster Bomber NG235 wurde von einer Flakgranate über dem Zielgebiet getroffen.

10 Tage später am 18. April 1945 stießen Panzereinheiten von Pattons 3. Armee im thüringer Vogtland auf eine große Gruppe elend gekleideter Häftlinge und Kriegsgefangener. Unter ihnen war der britische Flt. Sgt. Elias William der Royal Air Force, Heckschütze der Lancaster NG235.

Flt. Sgt. Elias William war ohne Uniform und Papiere und in Lumpen gekleidet nicht als Kriegsgefangener zu erkennen. Er hatte einige Not seinen Befreiern zu erklären, wer er ist und wie es ihm ergangen war. Er war der einzige Überlebende des Lancaster Bombers NG235, der um Mitternacht vom 8. auf den 9. April 1945 westlich von Kapellendorf abgestürzt ist.

Flt.Sgt. Elias William gab später zu Protokoll, dass der australische Navigator Flt. Sgt. Lindsay Arthur Bayley aus Neusüdwales gemeinsam mit seinem australischen Kameraden, dem gerade erst 21-jährigen Piloten Cpt. Bernard Selby Woolstencrofta aus Victoria, den Bomber um 22:40 Uhr in das Zielgebiet bei Merseburg gesteuert hat. Gerade als der 20-jährige Bombenschütze, Flightofficer der RAFVR Christopher Wyeth Warren aus Shawford, Hampshire, England, die Tallboy-Bombe ausgeklinkt hat, wurde die Maschine um 22:50 Uhr auf der Steuerbordseite von einer Flakgranate getroffen. Flt. Sgt. Elias William war auf seinem Posten am Heckgeschütz des Bombers, als die Maschine getroffen worden ist. Er schilderte was dann geschah:

"Unser Flugzeug wurde durch Flak-Beschuss wenige Minuten nach dem Bombenabwurf getroffen und fing sofort Feuer. Ich hörte den Befehl des Piloten zu springen. Auch hörte ich Hilferufe aus dem vorderen Teil des Flugzeuges. Ich konnte keinen anderen Fallschirm sehen. Die Deutschen gaben mir keine Informationen über die restliche Crew. Das Flugzeug stürzte etwa 10 Meilen von Lützkendorf ab." (Absturzstelle tatsächlich dann bei Kapellendorf)

Keiner der weiteren Besatzungsmitglieder hat es überlebt. Der Pilot hat offensichtlich versucht, die Maschine zu landen. Denn einzig der Heckschütze verfügte auf der Steuerbordseite der Maschine über eine Ausstiegsluke und konnte so auf Befehl des Piloten Bernard Selby Woolstencroft gerade noch rechtzeitig aus der brennenden Maschine abspringen, bevor diese auf dem Feld westlich von Kapellendorf bruchgelandet ist. Der Heckschütze war von der übrigen Besatzung durch eine Wand abgetrennt. Dennoch konnte er seine Kameraden hören, die um Hilfe geschrien haben. Der Treibstoff hat sich entzündet und der Mittelteil des Flugzeugs brannte. Die beiden Schützen der im mittleren Teil installierten Geschütze, Flt. Sgt Leslie Robinson, Wireless Air Gunner, und der 20-jährige Sgt. Geoffrey Terence Greenwood, Mid Upper Gunner, aus Bradford, Yorkshire, England, der britischen Royal Air Force Volunteer Reserve (RAFVR) konnten dem Befehl ihres Captains ebenso wenig folgen wie der Bombenschütze Flightofficer Christopher Paul Wyeth Warren. Sie waren im Mittelteil des Fliegers gefangen und dem Feuer schutzlos ausgesetzt. Also versuchte der Pilot eine Notlandung und er, Captain Bernard Selby Woolstencroft, starb gemeinsam mit seinen Kameraden, Flt. Sgt. Lindsay Arthur Bayley, Navigator, Sgt. William Charles Lewis, Flight Engineer, Flightofficer Christopher Paul Wyeth Warren, Bomb Aimer, Flt. Sgt. Leslie Robinson, Wireless Air Gunner und Sgt. Geoffrey Terence Greenwood, Mid Upper Gunner, bei der Bruchlandung um Mitternacht westlich von Kapellendorf. Auch wenn der Pilot den Absturz selbst zunächst noch überlebte, so war er doch so schwer verletzt, so dass er noch an der Absturzstelle gestorben ist. Die herangeeilten Dorfbewohner konnten ihm ebenso wenig helfen wie den schreienden Kameraden in der brennenden Maschine. Das Feuer verhinderte, dass sich jemand der Maschine nähern konnte, die vollständig ausgebrannt ist.

Der Waliser, Flt. Sgt. William ist kurz zuvor gerade noch rechtzeitig mit dem Fallschirm abgesprungen und landete unweit der Absturzstelle ca. 1km südwestlich von Frankendorf in einem kleinen Wäldchen. Zwei Frauen auf dem Weg nach Frankendorf, die gerade von Hammerstedt gekommen sind, stellte er sich. Zusammen gingen sie nach Frankendorf, wo er auf dem Hof der Familie Weise die Nacht verbracht hat. Am Morgen des 9. April wurde er von Wehrmachtssoldaten nach Jena gebracht und dort verhört. Er gab seinen Namen an und wurde gefragt, ob er Jude sei, da er einen jüdischen Vornamen Elias trägt. Es machte letztlich keinen Unterschied. Einer der Bewacher nahm ihm seine Fliegerjacke ab, ein anderer beraubte ihn seines Ringes, indem er den Siegelring vom Finger der rechten Hand geschnitten hat.

Als Kriegsgefangener musste Flt. Sgt. Elias William am 11. April 1945 in Jena dem gerade durch die Stadt geführten Todesmarsch der Häftlinge vom KZ Buchenwald in Richtung Osten folgen. Es war die Kolonne, deren Güterzug in Großschwabhausen von Jagdbombern der US Air Force angegriffen worden ist und von da über das Mühltal zu Fuß durch Jena gezogen sind. Er wurde von einem französischen Arzt versorgt, der ihm seine Hand mit Papierbandagen verbunden hat. Eines Nachts dann hörte er intensives Maschinengewehrfeuer und in den frühen Stunden des nächsten Morgens stießen sie auf die ersten Panzer Pattons 3. US-Armee. Da er aber seine Fliegerjacke abgenommen bekommen hatte und nur Lumpen trug, hatte er einige Probleme, dem ihn bewachenden G.I. zu erklären, dass er ein Mitglied der abgeschossenen Crew der Lancaster NG235, WS-H der Royal Air Force ist. Er überlebte.

Die toten Kameraden wurden auf dem Friedhof der evangelischen St. Bartholomäus Kirche in Kapellendorf bestattet und im Jahr 1948 auf den britischen Soldatenfriedhof in Berlin-Charlottenburg, Gräber 7.D 1,2,3,4-6, umgebettet.

In jener Nacht ist ein weiterer Lancaster-Bomber der RAF im Ilmtal unweit von Buchfart abgestürzt. Dieser war bereits um 18:12 Uhr in Waddington gestartet und gehörte zum 463. Sqn der RAAF, deren Ziel ebenfalls am 8. April 1945 die Mineralölwerke bei Merseburg waren. Der Bomber gehörte somit zur ersten Angriffswelle. Dieser wurde über dem Zielgebiet durch Flakgranaten getroffen. Die Besatzung hat dennoch die Bomben abgeworfen und der Pilot versucht, die süd-westlich gelegene Frontlinie zu erreichen. Nach dem aufgrund der Treffer die Maschine angefangen zu brennen, ist diese schließlich in der Nähe von Buchfart abgestürzt. 2 Australier und 2 Kanadier sowie 2 Engländer fanden den Tod. Aber auch dort hatte der Heckschütze wohl aufgrund der baulichen Besonderheit des Bombers überlebt. Ihm gelang noch rechtzeitig der Absprung aus der brennenden Maschine. Etwa 47 Stunden später traf er dann auf die vorrückenden US-Truppen bei Erfurt.

Am 12. April 1945 trafen nun die US-Truppen in Kapellendorf ein. Einige Wehrmachtsoldaten befolgten den Durchhaltebefehl ihres Führers Adolf Hitler, der sich am 30. April 1945 selbst der Verantwortung entziehen und zunächst seine Ehefrau Eva und schließlich sich selbst im Führerbunker in Berlin erschießen wird. Da einige Wehrmachtssoldaten sich in der Wasserburg verschanzt haben sollen, wurde das Dorf durch einen Sherman-Panzer mit drei Granaten beschossen. Eine traf den südöstlichen Verliesturm in der Wasserburg und ist heute in 2020 noch zu erkennen. Eine weitere Granate traf das Dach des benachbarten Tanzsaals etwas weiter südlich. Die dritte Granate traf schließlich ausgerechnet das Grab des Piloten gleich links neben der Kirche, nachdem diese das Dach einer Scheune des benachbarten Bauernhofes durchschlagen hat.

Heute nun nach 75 Jahren ehren wir die Opfer aller Kriege.

Kapellendorf, den 9. April 2020

Roy Fischer
Kapellendorf